Kennen Sie...?

In unserer Serie "Kennen Sie...?" portraitieren wir jeden Monat einen unserer Gäste ...

Wir begegnen tagtäglich Menschen wie Du und ich, von denen wir glauben, sie zu kennen. Aber plötzlich lesen wir beispielsweise einen Zeitungsartikel, den unser/e NachbarIn von nebenan geschrieben hat. Und so erfahren wir überraschenderweise etwas von der Person, von der wir vorher noch nie etwas gewusst haben: vielleicht von einem besonderen Hobby oder einem Hilfsprojekt, das sie/er mit Leidenschaft verfolgt.

Bei uns im Madle bringen uns solche Geschichten immer wieder zum Staunen oder wir verstehen plötzlich, warum jemand so ist, wie er ist.

Wir freuen uns auf viele spannende Portraits und Biographien.

Auf unserer Website portraitieren wir jeden Monat einen neuen Gast.
 

Kennen Sie... Hans Herzog?

Hans Herzog, geboren 1923 in Luzern, lebt bei uns im Madle seit Juni 2021. Hans wuchs als einer von vier Buben, in einer harmonischen Familie auf. Geprägt wurde er auch, durch seinen auf den Tag 10 Jahre älteren Bruder, der für Hans eine Vorbildfunktion übernahm.

Hans Herzog wollte zuerst Theologie oder Medizin studieren. Bald wurde ihm aber klar, dass Chemie für ihn zukunftsweisend ist. So begann er, Chemie an der Uni Zürich zu studieren mit Zoologie im Nebenfach. Bei Professor Doktor Hadorn, ein Genetikwissenschafter, wurde auch sein Interesse für Naturwissenschaften geweckt.

Als sein Bruder ihn nach vier Semestern in Zürich nach Basel holte, doktorierte er dort in Chemie am Institut für Farbenchemie.

Hans Herzog fiel mit seiner Intelligenz offenbar nicht immer nur zu seinen Gunsten auf. Während des Vorstellungsgesprächs bei der Ciba Geigy fand er einen Formelfehler, was die Herren der Ciba, die sich dadurch vorgeführt fühlten, nicht als Vorteil goutierten und ihm deshalb die Stelle nicht gaben.

Durch einen Studienkollegen fand er dann aber eine Anstellung in Pratteln bei der Firma Rohner AG, die 1906 von Josef Rohner als Familienbetrieb mit seinen Söhnen gegründet wurde. Er wurde bei der Rohner AG wie ein Familienmitglied akzeptiert.

Der Aufstieg ging schnell. Startend im technischen Kundendienst hat er bald als Berater internationaler Kunden zu Farbeinstellungen von Textilfarbstoffen gearbeitet. Sein Weg führte ihn noch bis ganz nach oben als Vizedirektor, als Verantwortlicher für Public Relations, als Sekretär der Geschäftsleitung und als Personalchef von 300 Angestellten.

In den 35 Jahren im Dienste der Rohner AG identifizierte er sich stark mit dem Familienunternehmen, das nach seiner Zeit, seinen Angaben zufolge von Fotzelgesellen böse heruntergewirtschaftet wurde.

Privat erlebte er eine sehr glückliche harmonische Ehe mit seiner Frau Maria Schaffter, Wirtetochter aus Metzerlen, mit der er eine Familie gründete. Kennengelernt haben sich die beiden, während den Fahrten von Rhoderstorf nach Basel mit dem blauen Bähnli. Ihm war es wichtig, dass seine zwei Kinder glücklich werden und ihren eigenen Weg machen konnten. 

Auf die Frage ob er, wenn er nochmals wählen könnte, als Mann oder als Frau auf die Welt kommen wollte, wählte er klar die Frau. Frauen würden sich bei der beruflichen Laufbahn nicht so aufplustern und nicht so ein Gschiss machen wie Männer. Überhaupt empfinde er die Frau als das wahre starke Geschlecht! Das ist doch mal eine starke Aussage!

Auf mich wirkt Herr Herzog als ein sehr offener empathischer, wortgewandter Mann von Welt, der nie die Bodenhaftung und das Wissen über seine Herkunft verloren hat. Das Madle kann sich glücklich schätzen, ihn als Gast bei sich zu haben. Wir wünschen Herrn Herzog noch eine schöne Zeit bei uns als Gast im Madle.

Bettina Vogt, Aktivierung

Kennen Sie... Frau Kelic?

Kennen Sie... Frau Kelic?

Seit September 2020 wohnt Frau Kelic bei uns im Alters- und Pflegeheim Madle und dies, wie sie sagt, sehr gerne.

1942 wurde sie in Bosnien geboren und hier beginnt ihre Geschichte.

Aufgewachsen mit ihrer 7 Jahre älteren Schwester verbrachte sie eine glückliche Kindheit, welche durch den frühen Tod ihres Vaters überschattet wurde. Als junge Erwachsene verlor sie auch früh ihre Mutter.

Nach der Schule absolvierte sie das Lehrerseminar und folgte 1969 ihrem Mann, welcher schon 7 Jahre vorher in die Schweiz gereist war. Bei der Firma Buss fand sie schnell eine Anstellung als kaufmännische Angestellte und zu dieser Zeit kam auch die jugoslawische Botschaft auf sie zu mit der Frage, ob sie nicht eine Sprachschule für Kinder aus Jugoslawien gründen möchte. Da Kinder besser Deutsch lernen, wenn sie ihre Muttersprache beherrschen, wurde diese Schule quasi als Ergänzungsschule zur staatlichen Schule gegründet.

Gesagt, getan: Nach der Gründung besuchten 360 Kinder diese Schule Mittwochnachmittags und samstags.

Mit dem Ausbruch des Jugoslawien-Krieges wurde auch die Schule geschlossen. Der Krieg hat ganz viel ausgelöst und verändert. Hier darüber zu schreiben würde den Rahmen sprengen. Aber es war eine sehr spannende Diskussion über Religion und den damaligen Präsidenten, Josip Tito. Danke, Frau Kelic.

Die Familie hat sich vergrössert, Frau Kelic bekam zwei Kinder. Eine Tochter und etwas später einen Sohn, welcher mit Trisonomie 21 zur Welt kam.

Ihr beruflicher Weg ging weiter und das Erziehungsdepartement Baselstadt hat ihr angeboten, im St. Johann- und Voltaschulhaus Deutsch und Bosnisch zu unterrichten sowie als Dolmetscherin an allen Schulhäusern im Einsatz zu sein. Dies hat sie auch mit viel Freude getan und wurde dort auch pensioniert.

Mir ist bewusst, wie schwierig es ist ein ganzes Leben in wenigen Zeilen auf Papier zu bringen. Über ihre Kinder, ihren Mann, ihre vielen Erlebnisse an den Schulen usw. zu schreiben würde ein ganzes Buch füllen.

Doch zum Schluss möchte ich noch eine Anekdote zu Papier bringen, welche Frau Kelic mir erzählt hat:

Ein Junge sagte zu ihr: «Frau Lehrerin, in der Schule sprichst du, zu Hause spricht meine Mutter, wann spreche ich denn?».

Oder ein anderes Erlebnis:

Frau Kelic fragte einen Schüler, ob seine Mutter das Baby schon bekommen habe. Dieser sagte: „Ja, sie hat ein Mädchen bekommen.“ Darauf sagte sein Banknachbar: „Sie kommt dann auch zu Ihnen in die Schule, wenn sie bis dahin nicht krepiert sind, Frau Lehrerin.“

Danke vielmals Frau Kelic für Ihr Erzählen und dass wir ein kleines Stück dabei sein durften.

Sabine Müller, Aktivierung

Kennen Sie... Paul Ramseier?

Herr Paul Ramseier kam zusammen mit seiner Zwillingsschwester am 23. Juni 1930 in Pratteln zur Welt. Er verbrachte mit sechs weiteren Geschwistern eine schöne Kindheit. Frau Dill, eine seiner Schwestern, wohnt heute ebenfalls bei uns im Madle.

Herr Ramseier verbrachte seine obligatorische Schulzeit in Pratteln. Seine kaufmännische Weiterbildung, begleitet von Sprachkursen, führten ihn zur Eidgenössischen Buchhalterprüfung mit Diplomabschluss.

Im KV lernte er seine grosse Liebe kennen. Herr Ramseier erzählte mir mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass ihm seine Olga, als er als kaufmännischer Angestellter bei der Ladenbau AG in Liestal tätig war, aus ihrem Schlafzimmerfenster ihres Elternhauses, gleich gegenüber, zuwinken konnte. Als ich ihn fragte, was ihm denn am besten an seiner Olga gefallen habe, antwortete er: «Ihri Poschtur und ihre Charakter!» und lachte.  Nach ein paar Jahren verlobten sie sich und am 10. April 1954 gab er seiner Olga, geborene Weihermann, sein Jawort. Das gemeinsame Glück war mit vier Kindern, drei Buben und ein Mädchen, komplett. Herr Ramseier erzählt stolz von seinen Kindern und ihren beruflichen Erfolgen. Auch seine 11 Enkelkinder und die drei Urenkelkinder erfüllen ihn mit grossem Stolz.

Nach vielen Jahren Berufserfahrung bei diversen Firmen, durfte er 1962 als Finanzexperte der UNO in den Kongo. Zum Abschluss dieses Aufenthaltes kauften sie sich einen VW-Käfer und bereisten, mit ihren vier Kindern auf dem Rücksitz, Afrika. Kongo, Sambia, Rhodesien, und Mosambik standen auf ihrem Reiseplan und mit vielen schönen Erlebnissen, Freundschaften und Erinnerungen kamen sie nach vier Monaten wieder zurück nach Pratteln. Ich sitze bei Herrn Ramseier auf dem Sofa und wir blättern im dicken Album ihrer grossen Reise. Auf jeder Seite klebt ein A4-Blatt, das all die vielen Erlebnisse eindrücklich und detailliert beschreibt. Seine Frau Olga («mis Fraueli», wie er sie immer wieder liebevoll nennt) habe sich jeden Tag an die Schreibmaschine gesetzt, um diese Reise zu dokumentieren. Bereits einen Tag nach ihrer Rückkehr aus Afrika gründete Herr Ramseier 1965 sein eigenes Treuhand- und Revisionsbüro in Pratteln, das er nach 35 erfolgreichen Jahren seinem Sohn Rolf übergeben durfte.

Herr Ramseier engagierte sich auch in unzähligen öffentlichen Ämtern. Er war 25 Jahre lang Prüfungsexperte an den kaufmännischen Lehrabschlussprüfungen in Liestal, vier Jahre Präsident der Sekundarschulpflege und Vizepräsident der Primarschulpflege Pratteln sowie neun Jahre Kassier der Schweizerischen Vereinigung von Experten für die Entwicklungshilfe Bern; um nur mal einige davon zu erwähnen. Auch hatte er eine Liste von Mitgliedschaften, die er gerne pflegte. Eine davon während 57 Jahren beim SKV (Schweizerischer Kaufmännischer Verband) in der Sektion Basel. Ja, die Liste ist wirklich gross und als ich Ihn fragte, ob ihm da noch genügend Zeit mit seiner Familie bliebe, Antwortete er: «Sie sin amme scho chli z’churz cho.»

Herr Ramseier war nicht nur beruflich sehr engagiert und erfolgreich, er war auch eine richtige «Sportskanone». Ganze 22 Mal absolvierte er den Engadiner Skimarathon, die zweitgrösste Langlaufveranstaltung der Welt. Über 14'000 Läuferinnen und Läufer aus über 60 Nationen legen jeweils den 42km langen Marathon zurück. Mit tausenden Athletinnen und Athleten stand Herr Ramseier zweimal am Start des berühmten Wasalaufs in Schweden. Diese 90km lange und legendäre Loipe bleibt ein unvergessliches Erlebnis, das ihn mit grossem Stolz erfüllt und seine Augen funkeln lässt. Herr Ramseier lacht herzhaft, als er mir erzählt, dass er einmal plötzlich neben Bundesrat Ogi lief und sich die beiden rege unterhielten.

Immer wieder erzählt er von seiner Frau. Laufen war eines ihrer gemeinsamen Hobbies. Sogar zu Fuss um die ganze Schweiz und ins Tessin, haben es die beiden geschafft. Herr Ramseier erzählt mir mit Stolz, dass Olga Ramseier eine bekannte Turnerin war und jahrelang den Kantonalturnverband Baselland leitete.

Aber wie viele schöne Erinnerungen seine Lebensgeschichte bisher prägten, so wurde sein Leben auch plötzlich mit traurigem überschattet. Der Tod seines Sohnes Markus im Jahre 2019 und der Verlust seiner geliebten Olga nur ein Jahr später, trafen ihn tief. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Aber, es bleiben schöne Erinnerungen und Bilder.

Noch immer trifft man Herrn Ramseier auf seinen täglichen Spaziergängen in Pratteln. Was wäre, wenn sie nicht mehr ihre täglichen Spaziergänge machen könnten, fragte ich ihn. «Ou, das wär schlimm!», antwortete er. «Zum Glück darf ich täglich, zämme mit ere Bewohnerin, go spaziere».

Lieber Herr Ramseier, Ihre bildhaften Erzählungen über Ihr Leben haben mich sehr berührt. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihr Vertrauen und dass sie uns alle teilhaben lassen an Ihrer eindrücklichen Lebensgeschichte.

Conny Haffter, Aktivierung

Kennen Sie... Mario Martini?

Die Reise von Mario Martini begann im Jahr 1946, als er in Pratteln geboren wurde und aufwuchs. Er sei «schon ein wenig stolz» ein Prattler Bürger zu sein, denn die Gemeinde organisiere sich gut. Hier besuchte er die Primar- und Sekundarschule.

Nach der Schulzeit absolvierte er eine Kaufmännische Lehre bei Imhof & Co. in Basel im Werkzeughandel, wo er jeweils mit dem Tram zur Arbeit ging. Er wählte diese Lehre als Grundausbildung, um sich danach weiterzubilden. Dieser Wunsch sollte sich schon bald erfüllen. Nach dem Abschluss seiner Lehre bekam er die Gelegenheit, in einer Genfer Bank eine Weiterbildung im Devisenhandel zu machen, wo er nebenbei – «im praktischen Bereich» – sehr gut französisch lernte.

Nach drei Jahren in Genf führte ihn seine Reise weiter in den Norden; nach London. Er bekam dort am Swiss Merchandise College die Chance auf ein Praktikum und konnte von Filiale zu Filiale durch ganz England bis nach Schottland reisen. Während dieser Zeit hatte er gelernt, selbstständig und mobil zu werden.

Nach einem Jahr kehrte er zurück nach Basel, wo er jedoch nicht lange verweilte. Schon nach wenigen Monaten zog es ihn wieder zurück nach London, dann weiter auf den amerikanischen Kontinent. Columbia, South Carolina bis nach Toronto, Kanada.

Er genoss ein «freies» Leben. In Amerika gäbe es nicht so starre gesellschaftliche Normen wie in der Schweiz. Die Amerikaner seien «open minded», also offen für Unbekannteres oder Ungewöhnliches und die Schweizer dagegen eher «narrow minded», also etwas engstirnig. «In Amerika ist man vogelfrei», sagt er mir in unserem Interview. Er verbrachte seine Freizeit damit, an Konzerte zu gehen; er hörte Jazz und Tattoo oder sah sich Hockey Matches der Toronto Maple Leaves an.

Im zweisprachigen Toronto fiel ihm die Kommunikation nicht schwer, denn er konnte schon Französisch und hatte in der Zwischenzeit auch gut Englisch gelernt. So konnte er sich bei der Arbeit und in der Freizeit flexibel ausdrücken.

Nach dieser langen Zeit unterwegs brachte ihn seine Reise gegen Ende seiner 20er zurück in die Schweiz, wo er sich 1969 – am Geburtstag seiner zukünftigen Frau – verlobte und sich mit ihr zusammen in Rheinfelden niederliess.

Am 1. Dezember 1978 kam ihre gemeinsame Tochter Leslie zur Welt, um die sich Herr Martini nach der Scheidung von seiner Frau abwechselnd mit ihr kümmerte.

Mitte der 90er Jahre machte er sich mit drei Kollegen im Bereich der Immobilienschätzungen selbstständig. Die Selbstständigkeit reizte ihn. So konnte er mit seinen Kollegen zusammen selbst entscheiden, wie sie vorgehen wollten und hatten keine Vorgesetzten. Im Jahr 2000 entschied er aus dem Bauch heraus, sich definitiv pensionieren zu lassen.

Denkt er an sein Zuhause in Rheinfelden zurück, so kommen ihm die Kräuter, Blumen und das Gemüse (welches er stets vor den Schnecken verteidigen musste) in den Sinn. Den Garten zu pflegen, das war eine seiner Leidenschaften. Eine andere war der Sport.

Während seiner Jugend hatte er in der NSP (Neue Sektion Pratteln) intensiv Handball gespielt und später lernte er in Arlesheim Curling. Dieser Sport faszinierte ihn und er führte ihn mehrere Jahre weiter. Er sei für ihn ein «Adventure».

Das Reisen spielte auch nach der Familiengründung eine zentrale Rolle in Herrn Martinis Leben. Während 50 Jahren ging er jedes Jahr alleine mit seinem Hund für zwei Monate ins Südtirol, um dort Bekannte zu besuchen. Er durfte jeweils in deren Hotel wohnen und die Ruhe und lange Spaziergänge geniessen. Nicht nur der Aufenthalt selbst, sondern auch die Reise dorthin bereitete ihm Freude. Über zwei Pässe musste er entweder mit Zug und Postauto oder manchmal auch mit dem eigenen Auto fahren. Die Zeit für sich alleine genoss er sehr.

Auf die Frage: «Was machte Sie in Ihrem Leben immer glücklich? », antwortet er mir: «Mobil sein».

Ich spüre heraus, dass es Herrn Martini immer ein Herzenswunsch war, frei zu sein. Selbstständig zu sein und freie Entscheidungen treffen zu können, auch wenn diese vielleicht mal nicht der «Norm» entsprachen. Aber auch physisch frei zu sein, dorthin gehen zu können, wo es ihn gerade hinzog.

Für die eigenen Bedürfnisse einzustehen ist manchmal mit viel Aufwand und Energie verbunden. Doch ist man einmal dort angekommen, wo man hinwollte, so kann man zurückschauen und fühlt sich ein Stück «mobiler» und selbstbestimmter.

Anna Vogt, Aktivierung

 

Kennen Sie... Rudolf Stohler?

Herr Stohler wurde am 7. Dezember 1932 im Basler Frauenspital geboren und lebte mit seinen Eltern in Pratteln.

Seine Mutter war eine hilfsbereite, offene Frau. Sie engagierte sich, wo sie konnte. So war es auch öfters der Fall, dass Familie Stohler Kinder in Not aufnahmen und ihnen ein Zuhause gaben. Sein Grossvater betrieb in Pratteln einen Bauernhof, wo seine Mutter und Herr Stohler oft tatkräftig mithalfen.

Den Kindergarten besuchte er im Vereinshaus in Pratteln, bei der Diakonissin Schwester Bertha. An diese schöne Zeit mag sich Herr Stohler noch besonders gern erinnern.

Während den obligatorischen Schuljahren ging Herr Stohler in Pratteln zur Schule, für die weiterführenden Schuljahre musste er mit dem Fahrrad im Sommer und im Winter mit dem Zug nach Liestal fahren. In der Schule hatte er Chemieunterricht und so kam das Interesse in ihm auf eine Ausbildung in dieser Richtung zu machen.

Doch oh je, der Berufsberater erkannte, dass Herr Stohler farbenblind ist und so leider keine solche Lehre machen konnte. Da sein Vater Architekt war, riet er ihm, eine Ausbildung im Baugewerbe zu machen .

So absolvierte er eine Maurerlehre bei der Firma Seiler AG in Pratteln und arbeitete dann noch 6 Monate in diesem Beruf.

Anschliessend besuchte er die Rekrutenschule 1952 als Wasserfahrer in Brugg und machte gleich weiter zum Unteroffizier. Nach dem Militär begann er eine Lehre als Hochbauzeichner im Architekturbüro der Firma Häring. Nach der bestandenen Abschlussprüfung folgte die Ausbildung zum Bauleiter. Für die nächsten drei Jahren arbeitete Herr Stohler jeweils 6 Monate in Lausanne und 6 Monate in Aarau, wo er die Bauschule in Aarau besuchte.

Nach abgeschlossener Ausbildung hätte Herr Stohler in Lausanne weiterarbeiten können, doch zur selben Zeit suchte die Gemeinde Pratteln einen Bauführer für den Hoch- und Tiefbau. So bewarb er sich und blieb der Gemeinde für 36 Jahren treu.

Im Nebenamt unterrichtete Herr Stohler an der Gewerbeschule Muttenz die Maurerlehrlinge, was er sehr gerne machte.

1976 wurde er von der Bürgergemeinde in Pratteln angefragt und 1984 wurde er Bürgergemeindepräsident bis 1992.

Herr Stohler war ein aktiver Bürger, er trainierte Handball und Leichtathletik im Turnverein Pratteln. Natürlich durften die Leichtathletikwettkämpfe nicht fehlen, denn seine Stärke war das 100 Meter-Rennen.

Beim Bau des Alters- und Pflegeheim Madle war Herr Stohler selber in der Baukommission mit dabei.

Und nun wohnt Herr Stohler seit 2020 selber im APH Madle.

Er ist täglich auf einem Spaziergang unterwegs, auch wenn ihn sein Augenlicht einschränkt. Der Besuch von seiner Familie ist immer eine willkommene Abwechslung für ihn, die er sehr schätzt und geniesst.

Herzlichen Dank, Herr Stohler, für Ihre Offenheit und das Teilen Ihrer Lebensgeschichte.

Rebekka Widmer, Aktivierung

 

Kennen Sie... Magdalena Brunner?

Mein Lehrer Herr Schneider (hoffentlich ist das wirklich der Name von meinem damaligen Lehrer!) drückte mir vor der ganzen Klasse im Geografie-Unterricht den Zeigestock in die Hand und sagte: «Madlen, zeige uns auf der Landkarte wo Rom liegt». 

Bei so einer Aufforderung bekam ich Herzrasen und weiche Knie, so etwas war für mich eine unlösbare Aufgabe, denn ich war und blieb mein Leben lang eine geografische Niete. Ich konnte mich auf einer Landkarte einfach nicht orientieren. Zum Glück gab es da noch meinen Schulkollegen, den Werni, der führte nämlich vom Lehrer unbemerkt, hinter meinem Rücken, den in meiner Hand liegenden Zeigestock an die richtige Stelle auf der Landkarte. Halleluja Werni, wenn es dich nicht gegeben hätte, hätte ich wohl meine ganze Schulzeit hindurch in Geografie eine Null im Zeugnis gehabt. 

Mit dieser Anekdote fängt Magdalena Brunner lachend über ihr bisheriges Leben zu erzählen an.

Am 4. Januar 1937 wurde ich im Frauenspital Basel als drittes von vier Kindern geboren. Vor mir gab es schon zwei Schwestern und ein Jahr nach mir kam dann auch noch mein Bruder auf die Welt.

Ich hatte sehr liebe Eltern und ich genoss mit ihnen und meinen Geschwistern zusammen eine richtig gute und schöne Kindheit in Kaiseraugst.

Wenn ich meine Augen schliesse, sehe ich noch heute den alten Kochherd und Backofen meiner Mutter vor mir und gleichzeitig habe ich den Duft der feinen von ihr gebackenen Änisbrötli in meiner Nase. Mit meiner Mutter zusammen nochmals Änisbrötli backen können, das wäre ein grosser Wunsch von mir.

Nach nur acht Jahren Schule war meine Schulzeit in Kaiseraugst schon vorbei. Eigentlich hätte ich sehr gerne eine Ausbildung als Schneiderin gemacht aber ich war noch so jung und eine Ausbildung lag einfach nicht drin. Wir waren eine grosse Familie und für mich war es selbstverständlich, meinen Vater beim Geldverdienen zu unterstützen.

Nach meiner beendeten Schulzeit fing ich gleich in der Strumpffabrik in Möhlin zu arbeiten an. Ich war dort für die Kontrolle der frischgewobenen Nylonstrümpfe zuständig. Für diese Kontrolle musste ich die Strümpfe einzeln über die Schaufensterpuppenbeine stülpen, um sie dann mit einer Lupe (wie ein Detektiv) genauestens nach Webfehlern abzusuchen. Wenn ich so einen Übeltäter gefunden hatte, wurde dieser von mir mit einer feinsten Nadel und einem hauchdünnen Faden von Hand geflickt. Ich mochte diese Arbeit sehr, sie bereitete mir wirklich Freude.

Trotzdem zog es mich nach einer gewissen Zeit weiter und ich fand schnell in der Weberei Schild in Liestal einen neuen Arbeitsplatz. Schon nach kurzer Zeit bot man mir dort eine Ausbildung als Weberin an. Ich lehnte dieses Angebot ab, denn ich spürte, diese Arbeit war nicht das Richtige für mich, mir fehlte die Lupe.

Ich wechselte nach Lausen in die Uhrenfabrik Rödlein. Heute würde man wohl sagen, ich sei dort in der Qualitätskontrolle tätig gewesen. Bei Rödlein bekam ich dann auch wieder meine Lupe, denn meine Arbeit bestand dort daraus, dass ich alle fertiggestellten Uhren kontrollierte und dabei schaute, dass auch wirklich jedes Rädchen an seinem richtigen Platz sass. 

In der Zwischenzeit zogen die Jahre ins Land, es wurde Frühling, Sommer, Herbst und Winter und irgendwann wurde es dann auch wieder einmal Fasnacht und genau an einer solchen Fasnacht, lernte ich im Restaurant Leuen in Kaiseraugst den Josef Brunner, meinen späteren Ehemann kennen.

Ich hatte den Josef schon vor der Fasnacht kennengelernt und er gefiel mir auf Anhieb. Der Josef holte mich an diesem Abend immer wieder zum Tanzen, doch mit wem er da eigentlich tanzte, das wusste er bis zum Schluss nicht. Das heisst, er wusste es erst, als ich die Maske abzog. Ich habe den Josef an diesem Abend schön «verseckelt» (Frau Brunner lacht herzlich).

Josef wuchs in Luzern auf einem Bauernhof auf doch, da es zu dieser Zeit in der Innerschweiz wenig Fabriken und noch weniger Arbeit gab, versuchte er in der Region Basel sein Glück. Als ich ihn kennenlernte arbeitete er auf der Bahn und später dann in der Firma Henkel. 

Als 19-Jährige heiratete ich den 23 Jahre alten Josef Brunner und wurde so zur Magdalena Brunner. Unsere erste gemeinsame Wohnung hatten wir im «Schlössli» in Basler-Augst aber da die Miete dort so «sau teuer» gewesen war, suchten wir uns schon bald ein neues Zuhause, welches wir schon bald an der Zehnder-Strasse in Pratteln fanden.

Mit 24 bekam ich unser erstes Kind, den Urs und 5 Jahre später dann unsere Tochter die Renate. Nach der Geburt der beiden Kinder blieb ich zuhause, führte den Haushalt und schaute dort zum Rechten. Gleichzeitig leistete ich noch ein wenig Heimarbeit für die Firma Ronda. Unterdessen bin ich auch noch Grossmutter von vier Grosskindern geworden und noch heute besuchen mich meine Kinder regelmässig und oft. Für diese Besuche bin ich ihnen unglaublich dankbar, ich geniesse sie sehr. Meine Kinder sind das Schönste was mir in meinem Leben je passiert ist. Klar haben sie mich manchmal auch «hässig» gemacht, doch die Kinder waren zum Glück gesund, sie gediehen und sie wurden gross, was wollte man mehr!

Eine grosse Leidenschaft von mir war das Nähen, ich nähte für mein Leben gern. Auf unserem Stubentisch stand immer meine Nähmaschine startklar bereit, ich musste nur noch den Faden wechseln und schon konnte ich losrattern.

Josef und ich lebten glücklich und zufrieden in Pratteln. Wir machten kein einziges Mal in unserem ganzen Leben Ferien, wir brauchten das einfach nicht, wir hatten ja den Rhein vor der Türe und der Josef hatte sein Velo.

Leider verstarb mein Ehemann vor einem Jahr und dies macht mich auch heute noch sehr traurig. Trotzdem bin ich mit meinem bisherigen Leben zufrieden.

Frau Brunner schaut beim Erzählen ihrer Geschichte immer wieder aus dem Fenster und beobachtet die Kinder, die im Joerin Park spielen. Plötzlich sagt sie: «Früher sind die Kinder auf die Bäume geklettert doch heute sehe ich kein einziges Kind mehr auf einem Baum. Warum ist dies eigentlich so? »

Gute Frage Frau Brunner!

Liebe Frau Brunner, vielen herzlichen Dank für den schönen Einblick in ihre Lebensgeschichte.

Esther Meier, Leiterin Aktivierung