Kennen Sie...?

In unserer neuen Serie "Kennen Sie...?" werden wir jeden Monat eine/r unserer Gäste portraitieren...

Wir begegnen tagtäglich Menschen wie Du Und ich, von denen wir glauben sie zu kennen. Und plötzlich kann es vorkommen, dass wir zum Beispiel einen Zeitungsartikel lesen, der/die unser/e NachbarIn von nebenan geschrieben hat. Und so erfahren wir überraschenderweise etwas von ihr, von dem wir vorher noch nie etwas gewusst haben. Vielleicht von einem besonderen Hobby oder einem Hilfsprojekt das sie/er mit Leidenschaft verfolgt.

Bei uns im Madle ist uns das schon öfters passiert, dass uns solche Geschichten dann total zum Staunen bringen oder wir dann eben auch verstehen, warum jemand so ist wie er ist.

Wir freuen uns auf viele spannende Porträits und Biographien!

Auf unserer Homepage werden wir jeden Monat eine/r unserer Gäste portraitieren.

Kennen Sie... Hans Herzog?

Hans Herzog, geboren 1923 in Luzern, lebt bei uns im Madle seit Juni 2021. Hans wuchs als einer von vier Buben, in einer harmonischen Familie auf. Geprägt wurde er auch, durch seinen auf den Tag 10 Jahre älteren Bruder, der für Hans eine Vorbildfunktion übernahm.

Hans Herzog wollte zuerst Theologie oder Medizin studieren. Bald wurde ihm aber klar, dass Chemie für ihn zukunftsweisend ist. So begann er, Chemie an der Uni Zürich zu studieren mit Zoologie im Nebenfach. Bei Professor Doktor Hadorn, ein Genetikwissenschafter, wurde auch sein Interesse für Naturwissenschaften geweckt.

Als sein Bruder ihn nach vier Semestern in Zürich nach Basel holte, doktorierte er dort in Chemie am Institut für Farbenchemie.

Hans Herzog fiel mit seiner Intelligenz offenbar nicht immer nur zu seinen Gunsten auf. Während des Vorstellungsgesprächs bei der Ciba Geigy fand er einen Formelfehler, was die Herren der Ciba, die sich dadurch vorgeführt fühlten, nicht als Vorteil goutierten und ihm deshalb die Stelle nicht gaben.

Durch einen Studienkollegen fand er dann aber eine Anstellung in Pratteln bei der Firma Rohner AG, die 1906 von Josef Rohner als Familienbetrieb mit seinen Söhnen gegründet wurde. Er wurde bei der Rohner AG wie ein Familienmitglied akzeptiert.

Der Aufstieg ging schnell. Startend im technischen Kundendienst hat er bald als Berater internationaler Kunden zu Farbeinstellungen von Textilfarbstoffen gearbeitet. Sein Weg führte ihn noch bis ganz nach oben als Vizedirektor, als Verantwortlicher für Public Relations, als Sekretär der Geschäftsleitung und als Personalchef von 300 Angestellten.

In den 35 Jahren im Dienste der Rohner AG identifizierte er sich stark mit dem Familienunternehmen, das nach seiner Zeit, seinen Angaben zufolge von Fotzelgesellen böse heruntergewirtschaftet wurde.

Privat erlebte er eine sehr glückliche harmonische Ehe mit seiner Frau Maria Schaffter, Wirtetochter aus Metzerlen, mit der er eine Familie gründete. Kennengelernt haben sich die beiden, während den Fahrten von Rhoderstorf nach Basel mit dem blauen Bähnli. Ihm war es wichtig, dass seine zwei Kinder glücklich werden und ihren eigenen Weg machen konnten. 

Auf die Frage ob er, wenn er nochmals wählen könnte, als Mann oder als Frau auf die Welt kommen wollte, wählte er klar die Frau. Frauen würden sich bei der beruflichen Laufbahn nicht so aufplustern und nicht so ein Gschiss machen wie Männer. Überhaupt empfinde er die Frau als das wahre starke Geschlecht! Das ist doch mal eine starke Aussage!

Auf mich wirkt Herr Herzog als ein sehr offener empathischer, wortgewandter Mann von Welt, der nie die Bodenhaftung und das Wissen über seine Herkunft verloren hat. Das Madle kann sich glücklich schätzen, ihn als Gast bei sich zu haben. Wir wünschen Herrn Herzog noch eine schöne Zeit bei uns als Gast im Madle.

Bettina Vogt, Aktivierung

Kennen Sie... Frau Kelic?

Kennen Sie... Frau Kelic?

Seit September 2020 wohnt Frau Kelic bei uns im Alters- und Pflegeheim Madle und dies, wie sie sagt, sehr gerne.

1942 wurde sie in Bosnien geboren und hier beginnt ihre Geschichte.

Aufgewachsen mit ihrer 7 Jahre älteren Schwester verbrachte sie eine glückliche Kindheit, welche durch den frühen Tod ihres Vaters überschattet wurde. Als junge Erwachsene verlor sie auch früh ihre Mutter.

Nach der Schule absolvierte sie das Lehrerseminar und folgte 1969 ihrem Mann, welcher schon 7 Jahre vorher in die Schweiz gereist war. Bei der Firma Buss fand sie schnell eine Anstellung als kaufmännische Angestellte und zu dieser Zeit kam auch die jugoslawische Botschaft auf sie zu mit der Frage, ob sie nicht eine Sprachschule für Kinder aus Jugoslawien gründen möchte. Da Kinder besser Deutsch lernen, wenn sie ihre Muttersprache beherrschen, wurde diese Schule quasi als Ergänzungsschule zur staatlichen Schule gegründet.

Gesagt, getan: Nach der Gründung besuchten 360 Kinder diese Schule Mittwochnachmittags und samstags.

Mit dem Ausbruch des Jugoslawien-Krieges wurde auch die Schule geschlossen. Der Krieg hat ganz viel ausgelöst und verändert. Hier darüber zu schreiben würde den Rahmen sprengen. Aber es war eine sehr spannende Diskussion über Religion und den damaligen Präsidenten, Josip Tito. Danke, Frau Kelic.

Die Familie hat sich vergrössert, Frau Kelic bekam zwei Kinder. Eine Tochter und etwas später einen Sohn, welcher mit Trisonomie 21 zur Welt kam.

Ihr beruflicher Weg ging weiter und das Erziehungsdepartement Baselstadt hat ihr angeboten, im St. Johann- und Voltaschulhaus Deutsch und Bosnisch zu unterrichten sowie als Dolmetscherin an allen Schulhäusern im Einsatz zu sein. Dies hat sie auch mit viel Freude getan und wurde dort auch pensioniert.

Mir ist bewusst, wie schwierig es ist ein ganzes Leben in wenigen Zeilen auf Papier zu bringen. Über ihre Kinder, ihren Mann, ihre vielen Erlebnisse an den Schulen usw. zu schreiben würde ein ganzes Buch füllen.

Doch zum Schluss möchte ich noch eine Anekdote zu Papier bringen, welche Frau Kelic mir erzählt hat:

Ein Junge sagte zu ihr: «Frau Lehrerin, in der Schule sprichst du, zu Hause spricht meine Mutter, wann spreche ich denn?».

Oder ein anderes Erlebnis:

Frau Kelic fragte einen Schüler, ob seine Mutter das Baby schon bekommen habe. Dieser sagte: „Ja, sie hat ein Mädchen bekommen.“ Darauf sagte sein Banknachbar: „Sie kommt dann auch zu Ihnen in die Schule, wenn sie bis dahin nicht krepiert sind, Frau Lehrerin.“

Danke vielmals Frau Kelic für Ihr Erzählen und dass wir ein kleines Stück dabei sein durften.

Sabine Müller, Aktivierung

Kennen Sie... Paul Ramseier?

Herr Paul Ramseier kam zusammen mit seiner Zwillingsschwester am 23. Juni 1930 in Pratteln zur Welt. Er verbrachte mit sechs weiteren Geschwistern eine schöne Kindheit. Frau Dill, eine seiner Schwestern, wohnt heute ebenfalls bei uns im Madle.

Herr Ramseier verbrachte seine obligatorische Schulzeit in Pratteln. Seine kaufmännische Weiterbildung, begleitet von Sprachkursen, führten ihn zur Eidgenössischen Buchhalterprüfung mit Diplomabschluss.

Im KV lernte er seine grosse Liebe kennen. Herr Ramseier erzählte mir mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass ihm seine Olga, als er als kaufmännischer Angestellter bei der Ladenbau AG in Liestal tätig war, aus ihrem Schlafzimmerfenster ihres Elternhauses, gleich gegenüber, zuwinken konnte. Als ich ihn fragte, was ihm denn am besten an seiner Olga gefallen habe, antwortete er: «Ihri Poschtur und ihre Charakter!» und lachte.  Nach ein paar Jahren verlobten sie sich und am 10. April 1954 gab er seiner Olga, geborene Weihermann, sein Jawort. Das gemeinsame Glück war mit vier Kindern, drei Buben und ein Mädchen, komplett. Herr Ramseier erzählt stolz von seinen Kindern und ihren beruflichen Erfolgen. Auch seine 11 Enkelkinder und die drei Urenkelkinder erfüllen ihn mit grossem Stolz.

Nach vielen Jahren Berufserfahrung bei diversen Firmen, durfte er 1962 als Finanzexperte der UNO in den Kongo. Zum Abschluss dieses Aufenthaltes kauften sie sich einen VW-Käfer und bereisten, mit ihren vier Kindern auf dem Rücksitz, Afrika. Kongo, Sambia, Rhodesien, und Mosambik standen auf ihrem Reiseplan und mit vielen schönen Erlebnissen, Freundschaften und Erinnerungen kamen sie nach vier Monaten wieder zurück nach Pratteln. Ich sitze bei Herrn Ramseier auf dem Sofa und wir blättern im dicken Album ihrer grossen Reise. Auf jeder Seite klebt ein A4-Blatt, das all die vielen Erlebnisse eindrücklich und detailliert beschreibt. Seine Frau Olga («mis Fraueli», wie er sie immer wieder liebevoll nennt) habe sich jeden Tag an die Schreibmaschine gesetzt, um diese Reise zu dokumentieren. Bereits einen Tag nach ihrer Rückkehr aus Afrika gründete Herr Ramseier 1965 sein eigenes Treuhand- und Revisionsbüro in Pratteln, das er nach 35 erfolgreichen Jahren seinem Sohn Rolf übergeben durfte.

Herr Ramseier engagierte sich auch in unzähligen öffentlichen Ämtern. Er war 25 Jahre lang Prüfungsexperte an den kaufmännischen Lehrabschlussprüfungen in Liestal, vier Jahre Präsident der Sekundarschulpflege und Vizepräsident der Primarschulpflege Pratteln sowie neun Jahre Kassier der Schweizerischen Vereinigung von Experten für die Entwicklungshilfe Bern; um nur mal einige davon zu erwähnen. Auch hatte er eine Liste von Mitgliedschaften, die er gerne pflegte. Eine davon während 57 Jahren beim SKV (Schweizerischer Kaufmännischer Verband) in der Sektion Basel. Ja, die Liste ist wirklich gross und als ich Ihn fragte, ob ihm da noch genügend Zeit mit seiner Familie bliebe, Antwortete er: «Sie sin amme scho chli z’churz cho.»

Herr Ramseier war nicht nur beruflich sehr engagiert und erfolgreich, er war auch eine richtige «Sportskanone». Ganze 22 Mal absolvierte er den Engadiner Skimarathon, die zweitgrösste Langlaufveranstaltung der Welt. Über 14'000 Läuferinnen und Läufer aus über 60 Nationen legen jeweils den 42km langen Marathon zurück. Mit tausenden Athletinnen und Athleten stand Herr Ramseier zweimal am Start des berühmten Wasalaufs in Schweden. Diese 90km lange und legendäre Loipe bleibt ein unvergessliches Erlebnis, das ihn mit grossem Stolz erfüllt und seine Augen funkeln lässt. Herr Ramseier lacht herzhaft, als er mir erzählt, dass er einmal plötzlich neben Bundesrat Ogi lief und sich die beiden rege unterhielten.

Immer wieder erzählt er von seiner Frau. Laufen war eines ihrer gemeinsamen Hobbies. Sogar zu Fuss um die ganze Schweiz und ins Tessin, haben es die beiden geschafft. Herr Ramseier erzählt mir mit Stolz, dass Olga Ramseier eine bekannte Turnerin war und jahrelang den Kantonalturnverband Baselland leitete.

Aber wie viele schöne Erinnerungen seine Lebensgeschichte bisher prägten, so wurde sein Leben auch plötzlich mit traurigem überschattet. Der Tod seines Sohnes Markus im Jahre 2019 und der Verlust seiner geliebten Olga nur ein Jahr später, trafen ihn tief. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Aber, es bleiben schöne Erinnerungen und Bilder.

Noch immer trifft man Herrn Ramseier auf seinen täglichen Spaziergängen in Pratteln. Was wäre, wenn sie nicht mehr ihre täglichen Spaziergänge machen könnten, fragte ich ihn. «Ou, das wär schlimm!», antwortete er. «Zum Glück darf ich täglich, zämme mit ere Bewohnerin, go spaziere».

Lieber Herr Ramseier, Ihre bildhaften Erzählungen über Ihr Leben haben mich sehr berührt. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihr Vertrauen und dass sie uns alle teilhaben lassen an Ihrer eindrücklichen Lebensgeschichte.

Conny Haffter, Aktivierung